„Warum ist es so, dass alle, die in der Philosophie, der Politik, der Dichtkunst
oder den Künsten herausragend geworden sind, offenkundig Melancholiker sind?“
– Aristoteles, Problemata
In diesen Konzert begegnen sich anlässlich des 400. Todesjahres John Dowlands drei herausragende und berüchtigt wahnsinnige Künstler des Frühbarock: die Komponisten John Dowland und Carlo Gesualdo sowie der Dichter Torquato Tasso.
Alle drei verfielen der Melancholie – ihre Geschichten endeten in Mord, geistigem Verfall oder tiefstem Weltschmerz. Und dennoch sind sie Beispiele der Grande Follia – des erhabenen, göttlichen Wahnsinns, der bis heute den Mythos des Genies prägt.
Genie und Wahnsinn liegen hier nah beieinander, ihre kühnen Werke sind Zeugnisse dieses ekstatischen Grenzgangs.
Unter der Leitung des Lautenisten Bernhard Reichel erklingen – mit einem erlesenen Ensemble, angeführt von der tschechischen Starsopranistin Hana Blažíková – die hochchromatischen Madrigale des mordenden Fürsten Gesualdo, umrahmt von John Dowlands ikonisch-melancholischen Lautenliedern.



John Dowland (1563–1626) war der Inbegriff der melancholischen Künstlerseele der Renaissance.
Hinter seinen kunstvoll traurigen Lautenliedern verbarg sich eine tiefe innere Zerrissenheit: Verfolgungsängste, Selbstzweifel und unaufhörliche Schwermut quälten ihn sein Leben lang. Sein „Wahnsinn“ war subtil, ein stetiger, dunkler Strom aus Einsamkeit, Verzweiflung und innerer Unruhe, den er in unvergängliche Musik verwandelte.
Carlo Gesualdo (1566–1613) war ein italienischer Fürst, Lautenist und Komponist der Spätrenaissance, berühmt für seine extrem expressiven Madrigale und seine düsteren Lebensumstände. Seine Musik gilt als radikal für ihre Zeit – voller schroffer Dissonanzen, unerwarteter Harmoniewechsel und intensiver emotionaler Kontraste.
Gesualdos Name ist aber nicht nur durch seine Kunst, sondern auch durch sein persönliches Drama bekannt: 1590 ermordete er seine untreue Ehefrau Maria d’Avalos und ihren Liebhaber in einem Akt blutiger Eifersucht. Danach zog er sich zunehmend in Isolation auf sein Schloss in Gesualdo zurück, wo er sich mit religiösen Bußritualen und musikalischen Experimenten beschäftigte.
Torquato Tasso (1544–1595), einer der bedeutensten Dichter der Spätrenaissance, litt unter schweren psychischen Krisen, die sich im Laufe seines Lebens immer stärker zuspitzten. Schon in jungen Jahren zeigte er Anzeichen von Verfolgungswahn, religiösem Fanatismus und extremer Empfindsamkeit. Er war überzeugt, von Feinden verfolgt, vergiftet oder vom Teufel bedroht zu werden. Seine Angst vor Sünde und göttlicher Verdammnis trieb ihn zu manischen Beichten und Ausbrüchen von Misstrauen selbst gegenüber Freunden und Gönnern. Nach heftigen Wutausbrüchen und Gewaltausfällen – unter anderem gegen einen Diener – wurde er 1579 in die Anstalt des Hospitals Sant’Anna in Ferrara eingewiesen, wo er sieben Jahre unter teils elenden Bedingungen blieb.
PROGRAMM
Introduction
Luca Marenzio
- Alas, what wretched life (1590)
- Ev'ry singing Byrd (1590)
John Dowland
- Go crystal tears (1597)
- Can she excuse (1597)
- In Darkness let me dwell (1610)
- Come heavy sleep (1597)
The Anatomy of Melancholy
John Dowland
- I saw my Lady weep (1600)
- A Fancy
- Flow my tears (1600)
- Sorrow stay (1600)
- A Fantasie
- Dye not before thy day (1600)
- Mourn, mourn (1600)
„Ein tobender Irrer“ - Torquato Tasso
Carlo Gesualdo
- Gelo ha Madonna il seno (1594) (Text: Torquato Tasso)
- Se così dolce è il duolo (1594) (Text: Torquato Tasso)
- Non è questa la mano (1594) (Text: Torquato Tasso)
„Death for five Voices“ - Carlo Gesualdo
Carlo Gesualdo
- Tu m’uccidi, o crudele (1611)
- Moro, lasso, al mio duolo (1611)

Hana Blažíková
Die Sopranistin Hana Blažíková, in Prag geboren, sang als Kind im Radost-Kinderchor Prag, erlernte das Violinspiel, entschied sich später aber für den Gesang und graduierte 2002 am Prager Konservatorium in der Klasse von Jiří Kotouč. Sie vertiefte ihre Studien bei Poppy Holden, Peter Kooij, Monika Mauch und Howard Crook.
Heute genießt Hana Blažíková höchstes Ansehen als gefragte Spezialistin in der Interpretation von Mittelalter-, Renaissance- und Barockmusik. Weltweit konzertiert sie mit Ensembles und Orchestern wie Collegium Vocale Gent, Bach Collegium Japan, Sette Voci, Amsterdam Baroque Orchestra, L’Arpeggiata, Gli Angeli Genève, La Fenice, Nederlandse Bachvereniging, Tafelmusik, Collegium 1704, Collegium Marianum, Musica Florea, L’Armonia Sonora u.a. Sie arbeitet regelmäßig mit dem herausragenden Zinkenisten Bruce Dickey, mit dem sie die CD Breathtaking aufnahm und in Konzerten weltweit präsentiert.
Ihr Gesang führt sie zu den großen Festivals wie Edinburgh International Festival, Salzburger Festspiele, Oude Muziek, Tage Alter Musik Regensburg, Resonanzen Wien, Festival de Sablé, Festival de La Chaise-Dieu, Hong Kong Arts Festival, Chopin i jego Europa, Bachfest Leipzig, Concentus Moraviae, Summer Festivities of Early Music und Festival de Saintes. 2010 und 2013 nahm sie an gefeierten Welttourneen der Bach’schen Matthäus-Passion unter der Leitung von Philippe Herreweghe teil, 2011 sang sie den Solopart von Bachs Johannes-Passion mit dem Boston Symphony Orchestra und debütierte im gleichen Jahr mit dem Bach Collegium Japan unter der Leitung von Masaaki Suzuki in der Carnegie Hall New York. 2014 stand sie bei Orfeo Chaman mit L’Arpeggiata in Bogotá auf der Bühne.
2017 führte John Eliot Gardiner in zahlreichen bedeutenden Spielstätten ganz Europas und der USA eine Monteverdi-Trilogie der Opern L’Orfeo, Il Ritorno d’Ulisse in Patria und L’incoronazione di Poppea auf. Hana Blažíková übernahm gleich fünf Partien dieses wahren Mammut-Projekts: La Musica, Euridice, Minerva, Fortuna und Poppea.
Darüber hinaus spielt Hana Blažíková auch gotische und romanische Harfe in Konzerten, in denen sie sich selbst auf diesen Instrumenten begleitet, und ist Mitglied des Tiburtina Ensembles, das sich auf Gregorianik und frühmittelalterliche Polyphonie spezialisiert hat. Hana Blažíková ist auf mehr als dreißig CDs präsent, darunter Aufnahmen der bekannten Bach-Kantaten-Reihe des Bach Collegiums Japan.